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Brief von Sabine Lichtenfels



verfasst nach einem Besuch im Friedensdorf San José de Apartadó/Kolumbien im Februar 2007


Die Gewalt der Paramilitärs in Kolumbien lässt nicht nach - trotz der von Präsident Uribe so vollmundig begonnenen angeblichen Entwaffnung dieser illegalen Einheiten. Das Friedensdorf San José de Apartadó ist besonders betroffen von der schwierigen politischen Lage. San José ist ein Friedensdorf von kolumbianischen, meist vertriebenen Bauern, die sich vor 10 Jahrenzusammengeschlossen haben.

Die Bewohner haben sich dazu entschieden, trotz schwerster Verfolgung ein Leben des gewaltfreien Widerstandes in Wahrheit und Solidarität zu führen. Diese autarke Kraft im Land wird von den herrschenden Kräften als Bedrohung erlebt. Paramilitär und Regierung arbeiten auf subtile Weise zusammen, um die Widerstandsbewegung zu ersticken. Vor zwei Jahren wurde im Dorf gegen den Willen seiner Bewohner eine Militär- und Polizeistation errichtet. Um bei ihrem Prinzip „Keine Waffen im Friedensdorf“ zu bleiben, verließen die Bewohner ihr Dorf und bauten in kürzester Zeit auf einem nahe gelegenen Privatgelände ein neues Dorf auf: San Josecito.

168 dieser gewaltfreien Rebellen wurden in den letzten 10 Jahren umgebracht, meistens die führenden Kräfte mit ihren Frauen und Kindern.

Die Bewohner von San Josecito sind trotz ihres kaum zu ertragenden Schmerzes bei dem Entschluss, eine Friedensgemeinschaft zu sein, geblieben. Es ist die einzige Antwort und Alternative, die sie sehen und die ihnen Kraft und Mut zum Leben gibt. Inzwischen ist die Gemeinschaft zu einem Hoffnungsträger für alle Unterdrückten des Landes geworden. Immer mehr Menschen wagen es, trotz Lebensgefahr ihre Stimme zu erheben. Wir wurden Zeuge dieser revolutionären Kraft des Widerstandes im Land. Die Kraft von San Josecito macht auch anderen Vertriebenen Mut. Die Amnestie-Regelung, die vom Staat eingeführt wurde, dient dem Schutz der Paramilitärs, sie verhindert aber, dass die bedrohten Bevölkerungsschichten ihre Rechte zurückerhalten.

Für uns Europäer war es sehr ungewöhnlich, trotz der großen Verwundung so viel Lebensfreude, entschlossenen Überlebenswillen und die unbedingte Suche nach einem Ausweg anzutreffen. Der Zusammenhalt der Gemeinschaft wirkte geradezu urchristlich auf uns. Wir sind existentiell erschüttert von allem, was wir gesehen haben; unsere gesamte Kraft formt sich zu dem unbedingten Willen, einen Ausweg aus der Sackgasse zu schaffen. Zur Augenzeugin geworden, kann ich nicht mehr anders, als diesen Menschen mit allen Kräften zu helfen. Gleichzeitig muss ich über Modelle nachdenken, auf welche Weise auch anderen unterdrückten Völkern der Welt geholfen werden kann.

Die Antwort ist offensichtlich. Es geht einerseits um das politische Thema der unterdrückten Völker, aber es geht auch um ein menschliches Thema von uns allen. Es ist die Kraft der autarken Gemeinschaft, und sie betrifft uns alle, denn wir alle haben verlernt, was es heißt, in Gemeinschaft, Solidarität und Nächstenliebe zu leben.

Wir können und müssen sehr viel tun. Nicht nur für die Heilung der offensichtlich betroffenen Gebiete, auch für die Heilung unserer Wohlstandsgesellschaften, die alle von der Unterdrückung und Ausbeutung der armen Länder leben. Die Grausamkeit und das Elend, die dort so offensichtlich geworden sind, zeigen sich bei uns auf viel subtilere Weise. Wir sind Teil dieses grausamen Gesamtgeschehens, wir sind aber auch Teil einer möglichen Lösung.

Eine Umfrage innerhalb der Gemeinschaft von San Josecito hat ergeben, dass sich alle Bewohner eine bessere Zukunft für ihre Kinder wünschen, einen Ausbildungsplatz und einen Beruf. Ohne wirkliche Neuorientierung würde das aber bedeuten, dass das Friedensdorf bald nicht mehr existieren könnte, denn die Jugend würde bald auswandern in die Städte. Wollen wir zulassen, dass sie der Projektion auf eine Welt erliegen, von der wir wissen, dass sie die Ursache des Elends ist?

Die Bewohner von San Josecito haben diese Not selbst erkannt und beteiligen sich am Aufbau der Universität des Widerstands, einer gesamtkolumbianischen Initiative. Sie bieten damit unterdrückten Bauern und Indigenen im Lande eine Möglichkeit, Überlebenswissen zu studieren.

Aber allein, bedroht von der Übermacht der Gesellschaft, haben sie keine wirkliche Chance. Sie brauchen internationale Unterstützung und Vernetzung. Hier soll der Globale Campus helfend wirken. Denn er besinnt sich auf den Kern der Verletzung, auf die Entmachtung und Zerstörung der ursprünglichen Gemeinschaften und entwickelt das Grundlagenwissen für den Aufbau zeitgemäßer, autarker, planetarischer Modelle. Für diese Arbeit habe ich zusammen mit Dieter Duhm das Friedensforschungszentrum Tamera in Portugal gegründet, in dem mittlerweile 160 Personen leben und arbeiten. Hier wird das notwendige Wissen entwickelt, damit Gemeinschaften zusammen bleiben und auch bei inneren Konflikten nicht wieder zerbrechen. Indem dieses Wissen konkret gelebt und vermittelt wird, entsteht ein Heilungsfeld, welches nach den Prinzipien der Feldbildung in holistischen Systemen weit über die Projektgrenzen hinaus wirksam werden wird. Es ist ein globales Thema der Zerstörung, das nur durch globale Vernetzung geheilt werden kann. Der entstehende Globale Campus ist bereits verbunden mit ähnlich arbeitenden Initiativen in anderen Regionen, z.B. mit dem Barefootcollege in Indien und dem Holylandtrust in Palästina.

Die daraus entstehenden Keimzellen des Friedens werden wie Akupunkturpunkte der Heilung auf den Gesamtorganismus der Erde wirken. Zukunftsgemeinschaften, welche den Kampf des Menschen gegen die Natur ebenso beenden wie den Kampf der Menschen untereinander, auch den heimlichen oder offenen Geschlechterkampf, könnten das Tor in ein neues Zeitalter werden.

Die Antwort erscheint so banal, dass sie oft übersehen wird: Wir sind herausgefordert, die Kraft der Gemeinschaft in ihrem Wesen wieder zu verstehen und anzunehmen: Sie ist weltweit die Quelle für die Gründung einer neuen planetarischen Kultur. Diese Stärkung, die wir den Bewohnern von San Josecito geben, stärkt auch uns. Hier kann der Globale Campus ein Initialfunke für eine weltweite Bewegung sein: GRACE - Aussteigen aus dem System der Gewalt, Einsteigen in ein System des Friedens.

Der Globale Campus wird langfristig den Schutz bedrohter Völker verstärken, indem er ein höheres, stabileres und intelligenteres System der menschlichen Kooperation entwickelt.

Gemeinsam stehen wir vor einem Abenteuer des Bewusstseins: dem Aufbau menschlicher Keimzellen, die in Kooperation und Mitgefühl mit allen Wesen auf diesem Planeten Erde ihre Entscheidungen treffen und ihr Leben führen. Die Lösungen können nicht am Schreibtisch entworfen werden, unser Planet braucht Pioniere, die in tiefer menschlicher Offenheit und Solidarität entschlossen sind, über die Grenzen zu gehen. Wir erforschen das Menschsein in seinen Tiefen, auch in seinen spirituellen und erotischen Quellen, in dem Wissen, dass eine globale friedliche Revolution möglich ist.

Ich habe mich entschlossen, meine ganze Kraft in den Aufbau des Globalen Campus zu investieren.

Es ist selbstverständlich, dass wir hierfür engagierte Geldgeber finden müssen, die sich mit Herzenslust an diesem Abenteuer beteiligen. Für diesen Zweck habe ich eine Stiftung mit dem Namen „GRACE - zur Humanisierung des Geldes" gegründet.

Wir bitten alle, die die Notwendigkeit dieser globalen Initiative sehen und verstehen, um Unterstützung. Ich bitte um großzügige Spenden für den Aufbau des Globalen Campus. Dieses Jahr werden allein für die Durchführung der Pilgerschaft und des ersten Ausbildungscamps in San Josecito ca. 100.000 Euro benötigt.

Ich danke jedem, der mitdenkt und mithilft. Möge der Globale Campus in diesem Jahr in Kolumbien seinen kraftvollen Auftakt erfahren.

Im Namen der globalen Friedenskraft

Sabine Lichtenfels