20. Oktober - nach dem Globalen Campus

Dichte, nasse Nebelschwaden ziehen durch die Morgensonne, dahinter glitzert eine gruene, ueppige Welt, die vor Naesse trieft. Der Fluss ist angeschwollen nach den starken Regenfaellen der vergangenen Nacht. Die Wolken geben immer wieder den Blick frei auf die steilen Huegel, die das Dorf umgeben. Momente wie diese lassen einen die Natur besonders intensiv aufnehmen. Ein "Revolutionsvogel" huepft auf den Aesten des Gummibaums gegenueber. Irma hat ihn so getauft wegen seiner leuchtend rot-schwarzen Faerbung.
Der Globale Campus ist vorbei - fast alle Teilnehmer sind abgereist, die letzten von uns werden San Josecito in den naechsten Tagen verlassen. Noch kehrt in der Friedensgemeinde nicht wieder der Alltag ein. Die aeussere Situation wird derzeit immer noch als bedrohlich empfunden, kein Weg in die Stadt wird ohne internationale Begleitung unternommen. Bis gestern haben wir taeglich Hubschrauber gehoert und teilweise gesehen, die ueber das Dorf in die Huegel flogen - moeglicherweise Anzeichen fuer kommende Angriffe. Aber es gibt auch vieles mitzuteilen und zu feiern.
Eduard, einer der Leiter der Friedensgemeinde, sagte: "Frueher war es vor allem die Angst vor Uebergriffen, die uns zusammen gehalten hat. Die ist natuerlich auch noch da, aber es ist auch eine Perspektive da, eine Freude auf die Zukunft. Dies ist ein Teil der Kraft, die dazu beitraegt, dass wir nicht mehr untergehen werden, auch wenn uns noch schwere Zeiten und Leid bevorstehen."
Ein schoeneres Resumee fuer die Universitaet des Widerstandes und den Globalen Campus kann es kaum geben.
Der Globale Campus hat sichtbare Zeichen im Dorf und den Nachbargemeinden hinterlassen.
Die Steine des Memorials mit den in Symbole gefassten wichtigsten Werten stehen auf dem Dorfplatz und bilden eine Art spiritueller Identitaet der Friedensgemeinde. Die Dorfbewohner glauben sehr stark an die Wirkung der Steine und wollen auch an Stellen, wo oft Paramilitaer durchzieht, Steine aufstellen.
Das Volleyballfeld ist ein Anziehungspunkt fuer die Jugend.
Ein Beet fuer Heilplanzen und ein Solartrockner fuer Kakao und Fruechte stehen hinter einem fuer Vieh (hoffentlich) unueberwindbaren Zaun.
Jeden Nachmittag leitet Iris Lindstedt Kinder und vermehrt auch Erwachsene zum Malen an. Und so treffen sich hier 20, manchmal mehr Menschen aller Altersstufen und arbeiten mit grossem Eifer und der Kostbarkeit von Filzstiften und Papier am kreativen Ausdruck ihrer Freude, ihrer Traeume, ihrer seelischen Realitaet. Ein Stueck ganz spezieller Heimat.
Taeglich gibt es eine Sprechstunde mit Irma Faethke und Andrea Regelmann fuer gesundheitliche Notfaelle. Andrea Regelmann wird in den naechsten Wochen noch einen Kurs in Notfallmedizin und in Empfaengnisverhuetung geben.
Dass einige von uns immer wieder hergekommen sind und weiterhin herkommen werden, hat das Vertrauen erzeugt, durch das eine so intensive Zusammenarbeit moeglich war.
Fuer die letzten von uns, die noch hier sind und abschliessende Arbeiten machen bzw. Bewohner zu deren Sicherheit auf ihren Gaengen begleiten, sind diese Tage ein seelisches Verdauen und noch einmal ein tieferes Eintauchen in die unglaubliche Realitaet dieser Menschen. Immer tiefer tauchen wir ein in die Welt von Menschen, die nie Heimat und Sicherheit kannten, deren Leben von Gewalt und Vertreibung bestimmt war. Was macht die Seele damit? Wie wachsen Kinder auf in einem solchen Umfeld? Wie wirkt sich das auf die Liebe und das Verhaeltnis der Geschlechter auf? Wir haben Interviews und intimere Gespraeche, die manchmal ueberraschende Antworten geben.
Es gibt Menschen, die in dieser Haerte feingeschliffen werden zu echten Juwelen - Juwelen des Mutes, der gegenseitigen Hilfe, der Klugheit. Sabine Lichtenfels: "Wenn in der Natur eine besonders starke Verletzung geschieht, dann kommen alle Naturkraefte zusammen, um Heilung zu bewirken. So beobachte ich es auch im Dorf."
Natuerlich ist auch noch viel Heilungsarbeit zu tun, viele Menschen sind wirklich traumtisiert. Es gibt Erzaehlungen und Wahrnehmungen, fuer die wir noch lange brauchen werden, um sie seelisch nachzuvollziehen. Diese Arbeit schlaegt sich auch koerperlich nieder, so haben einige von uns Fieber und andere Symptome bekommen. Bei allem begleitet uns das Wissen, dass alles was wir sehen, auch die eigene Realitaet ist. Jedes Opfer koennte das eigene Kind, der eigene Geliebte sein. Wir selbst koennten Taeter sein, waeren wir in einer anderen Situation aufgewachsen. Dies ist NICHT die dritte Welt, es ist unsere eine Welt, auch wenn es uns noch gelingt, dies in der Hochglanzrealitaet Europas und Nordamerikas zu verdraengen.
Die Freundschaft dieser Menschen anzunehmen und ihre Situation fuer eine Weile zu teilen, ist deshalb ein grosses Heilungsgeschenk auch fuer uns westliche Menschen. Ich bin gespannt auf die zukuenftige Zusammenarbeit und die Fruechte unserer Arbeit. Einen Dank an alle, die beigetragen haben, dass sie so gut gelungen ist. Es war ein richtiges Gemeinschaftswerk, wo die unterschiedlichsten menschlichen Faehigkeiten und Eigenschaften zusammenwirkten.
 16. Oktober - letzter Tag des Global Campus

16.10.
Der letzte Tag des Globalen Campus bricht an. Um uns herum gerät die Welt aus den Fugen. Während wir hier in der Friedensgemeinde San Josecito eine Oase der Kreativität, des Lernens, des Zusammenkommens – und ja: der Liebe aufgebaut haben, versinkt um uns herum das Land in Chaos und Gewalt. Der militärische Ausnahmezustand wurde schon vor zwei Wochen ausgerufen. Seit dem 12. Oktober haben die indigenen Völker des Cauca, allen voran die Nasa, Campesinos, Afroamerikanische Gemeinden und Arbeiter zu einem gemeinsamen Marsch mobilisiert, es ist ein Kampf „um Mutter Erde“, es sollen 30.000 Menschen auf den Beinen sein, gestern haben einige Tausend die Panamericana blockiert.
Fernando von den Nasa steht auf und sagt: „Heute wurden 3 meiner Companeros von der Polizei erschossen, viele sind verwundet. Wäre ich nicht hier, dann wäre ich unter ihnen, und in einigen Tagen werde ich ihren Platz einnehmen.“
Schon ein Tag davor wurde ein Anführer einer afroamerikanischen Friedenssiedlung erschossen.
Auch in unserer Region herrscht Krieg. Das Paramilitär übernahm in vier Landkreisen die Macht. In Turbo ganz in unserer Nähe wurden zwei Busfahrer erschossen, fǘnf Busse in Brand geseteckt.
Nach und von Apartado brach der öffentliche Verkehr zusammen, alle Geschäfte waren gestern geschlossen, nachdem am Morgen in der ganzen Stadt Graffitis von Paramilitär hier an den Wänden standen: AUC, Autodefensas Unidas de Colombia. Das Paramilitär warf auch Flugblätter in die Briefkästen, die besagten, dass dies ein Protest gegen die Regierung sei, die ihre Versprechen nicht hielt, die sie bei der Entwaffnung geleistet habe. Padre Giraldo: „Wir glauben das nicht. Paramilitär, Polizei und Regierung sind sehr eng verbunden. Wir vermuten eher, dass das Paramilitär ein Beweis seiner Macht geben will, dass es nach wie vor in der Lage ist, vier Landkreise zu terrorisieren und zu paralysieren. Und das tun sie zur Zeit. Niemand weiß, ob dieser Zustand länger dauert oder nur einen Tag. Aber heute und morgen kann und sollte niemand von uns nach Apartado fahren. Gott hat gewollt, dass wir in dieser Zeit zusammen sind und dass unsere internationalen Freunde den Zustand von Bedrohung und Ungewissheit miterleben, unter dem die Campesinos immer leben.“
Fuer die Regierung wird es immerhin immer schwerer zu behaupten, es gaebe kein Paramilitaer mehr.
Die heilige Stunde gestern wurde zu einer Stunde des intensiven Gebetes: Wir sangen und sprachen das Vater Unser in vielen verschiedenen Sprachen. Suaheli, griechisch, aramaeisch, lateinisch, deutsch und spanisch sowie mehrere verschiedene Eingeborenensprachen. Wie elementar dieses Gebet wird, wenn einen die gemeinsame existenzielle Sorge zusammenfuehrt.
Der Padre bittet uns, dass wir die heiligen Lieder singen, um durch Klang, Musik und gesungenes Gebet eine Kraft des Schutzes und des Lebens um uns herum aufzubauen. Wir sind inmitten eines Krieges, ein kleines unbewaffnetes, fest zur Gewaltfreiheit entschlossenes Dorf, mit lauter Menschen, die den Mächtigen in diesem Land ein Dorn im Auge sind. Was wird geschehen?
Die Peace Brigades International aus Turbo sind so besorgt, dass sie gestern gleich anreisen wollten, um sich mit dem Consejo zu beraten, aber keine Möglichkeit gefunden haben, hierher zu reisen.
Sabine initiierte einen Klangdom, es war wohl der stärkste und intensivste Klangdom, den alle von uns je erlebt haben. Wir alle suchten unseren Ton in dieser Kathedrale aus Tönen und legten unsere ganze Inbrunst hinein: Möge dieses Dorf geschützt sein. Möge kein Mensch mehr umgebracht werden. Möge Kolumbien Frieden finden!
Leandro, einer der Führer der Indigenen, der sich möglichst bald dem Marsch der Indianer anschließen wird: „Habt keine Angst vor den Paramilitärs. In Wirklichkeit haben sie viel mehr Angst vor euch.“
Unser kleines Dorf ist derzeit tatsächlich ein Keimling für Frieden und eine neue Welt – eine Macht ganz eigener Art. Viele Dinge sind sehr,sehr berührend. Wenn ich an die kleine Kulturgruppe denke, die gestern unter der Anleitung von Benjamin und Robert einen so intimen Austausch über Herzensangelegenheiten und Lebensentscheidungen begann! Die einfache Übung, einem Menschen, der in der Mitte steht, die volle Aufmerksamkeit zu schenken! José: „Wenn ich meinen Freund Mario über das sprechen höre, was er liebt, dann weiß ich, dass ich mich Ähnliches bewegt, so entsteht echte Solidarität und Gemeinschaft.“ Bladimir: „Auf diese Weise entsteht Vertrauen, und das ist die Voraussetzung für jede neue Kulturbildung.“ Dies aus den Mündern von jungen Männern, die mehrmals in ihrem Leben alles verloren haben und sich dennoch – anders als die meisten Altersgenossen um sie herum – für den Weg der Gewaltfreiheit und der gegenseitigen Hilfe entschlossen haben. Sie haben nicht zur Waffe gegriffen, sind nicht zur Guerilla oder zum Paramilitär gegangen, um sich zu rächen, sondern setzen ihre Kraft ein, um Kinder in abgelegenen Gemeinden zu unterrichten.
Mittlerweile sind die Steine für den Steinkreis fast fertig. Sechs Steine wurden gemeißelt und gesetzt, ein Memorial für die wichtigsten Qualitäten der Friedensgemeinde: Widerstand, Einheit und Verschiedenheit der Kulturen, Schutz des Lebens, Würde, Erinnerung, Alternativen. Für jedes haben die Dorfbewohner kraftvolle Symbole gefunden, geprägt von der Unbedingtheit, der Inbrunst und der Naivität von Menschen, die ihr Leben lang existenziell um Frieden ringen.
Am Morgen zupfen mich zwei alte Männer am Ärmel, sie wollen mir unbedingt etwas zeigen: Es ist der fast fertige Lehmofen. Sie sind begeistert von der einfachen Technik, die das Leben in ihren Häusern sehr erleichtern wird. Auch der Solartrockner ist fertig: Mit seiner Hilfe wird der Kakao unabhängig von Wetterbedingungen getrocknet werden können, ein entscheidender Vorteil in einer Jahreszeit, wo es fast keinen Tag ohne Regen gibt.
Gestern haben wir auch die Vorschläge für eine zukünftige Zusammenarbeit vorgetragen. Der Ratschlag der Internationalen und der der Campesinos und Indigenas kam zu erstaunlichen Übereinstimmungen bis in die Details. Das Wichtigste ist der Plan, im nächsten Jahr einen Globalen Campus speziell für die Jugend zu machen. Daneben wurden Kooperationen und konkrete Fortsetzungen der Arbeit in allen Bereichen vereinbart: Gesundheit, Solartechnologie, Vertiefung der Arbeit mit den Steinen, Vertiefung der musikalischen Feldbildung, Kooperation der Medienkommunikation.
Jetzt ist es Morgen, wir sind gespannt auf neue Nachrichten aus der Umgebung und bereiten uns vor auf den Abschlusstag. Es soll ein Tag der Auswertung werden, aber auch der Feiern mit einem christlichen Gottesdienst heute Nachmittag als Abschluss.
Schon jetzt sind einige der Internationalen weg – Sami Awad und Hernan Braveheart schon vor einigen Tagen, gestern Gloria Cuartas, Leon Octavio und das Filmteam.
Bijou und ich haben gestern Nachmittag Soila, eine unserer Küchenfrauen besucht und uns von ihr ihr Leben erzählen lassen. Es ist das Leben von Milliarden von armen Menschen weltweit. Das sind die Menschen und die Schicksale, die hier versuchen, ein anderes Leben aufzubauen: von kleinauf Verlassenheit, Armut und Gewalt, Suche nach Heimat und Vertrauen, aber immer wieder neue Situationen der Gewalt. Heute geht es ihr besser, sie bekommt in der Gemeinschaft alles, was sie zum Leben braucht. Ihr braunes offenes Gesicht spiegelt ohne jede Verschlossenheit Wärme, Fürsorge und ein großes Herz.
Am Nachmittag:
Die Strassen sind wieder offen, und ich bin schnell entschlossen mit David in die Stadt gefahren, um das Tagebuch abzuschicken. Der „bewaffnete Streik der Paramilitaers“ ist zunaechst beendet. Ein Signal, so sagt der Padre, dass ab jetzt wieder getoetet wird.
Der Buergermeister von Apartado gab eine Erklaerung, es habe sich um Banditen und Drogenschmuggler gehandelt – Paramilitaer gebe es schliesslich nicht mehr. Dieses Land braucht eine sehr sehr tiefe Wandlung. Wie die ganze Erde. Vielleicht haben wir hier geholfen, eine kleine Drehung mit einzuleiten. Sabine las zum Morgenvortrag noch einmal ihren Text ueber den Wandel Kolumbiens vor. Nur so kann ich mir eine Veraenderung ueberhaupt vorstellen!
Unsere Indigenen sind alle weg, sie haben die Gelegenheit genutzt und sind abgereist. Hier sind wunderschoene Annaeherungen geschehen, die eine Fortsetzung haben werden, moeglicherweise zur Sommeruniversitaet in Tamera.
 12. Oktober - Kolumbustag

12. Oktober – Kolumbustag – ein Trauertag für ganz Amerika: Heute vor 516 Jahren wurde der Kontinent entdeckt, was nichts anderes heißt, als dass alle Voraussetzung für seine Globalisierung und die Vernichtung aller natürlichen Ressourcen, Wissensquellen, Lebensweisen eingeleitet wurde.
Daneben ist es einfach auch Sonntag, und heute Nachmittag gibt es einen Gottesdienst, zu dem die Bewohner der umliegenden Gemeinden kommen.
Und wir machen einen freien Tag im Global Campus. Das ist gut, es war sehr sehr dicht in den letzten Tagen.
Die Stimmung ist wunderschön.
Berührend zu sehen, wie eine Gruppe von Leuten aus dem Dorf und aus Tamera zusammen riesige Steine aus dem Fluss auf den Dorfplatz tragen: Sie sollen Teil des Steinkreises werden, ein Monument für das Gedenken an das Leiden, aber auch für die unüberwindbare Kraft des Dorfes. Eine der Initiativen von Sabine Lichtenfels, die mir erst hier so richtig einleuchtet: Gerade hatte ich ein Interview mit Noelha gemacht, die uns erzählte, wie Soldaten ihre fünfjährige Tochter und ihre Schwiergermutter kaltblütig vor ihren Augen erschossen hatten – ein erschütternder Bericht, die Filmleute weinten hinter ihren Sonnenbrillen.
Jetzt steht Noelha am Stein und meißelt ein Symbol für den „Schutz des Lebens“. Zwei Hände, die das Leben umfassen, gemalt mit der Einfachheit und Ausdruckskraft des Lebens selbst. Und sie meißelt voller Glück ihre ganze Seele in den Stein. Hinterher erzählt sie im Sharing Circle, wie die Migräne, die sie seit sieben Jahren hat, verschwindet.
Auch andere Symbole sind entstanden: für die Themen Gedenken, Alternativen, Würde, Einheit und Verschiedenheit der Kulturen. Besonders gefällt mir das Symbol für Widerstand: Eine Hand mit einem Herzen, die eine Mauer durchdringt und auf die andere Seite reicht. Das Symbol wurde von Eduard gezeichnet, einem Mitglied des Consejo und einer beeindruckendend festen Persönlichkeit.
Diese Symbole sind so tief gelebt und empfunden, dass sie ihre Kraft schon jetzt entfalten! In mir macht sich ein Gefühl breit, mit diesen Zeichen wird das Dorf nie untergehen.
Die anderen Arbeitsgruppen sind ebenfalls gut in Gang gekommen. Die Technik-Gruppe ist mit dem Solartrockner beschäftigt, Mafu ist glücklich, der Padre und andere aus dem Dorf schleppen Ziegel und formen Lehmsteine, um diese neue und sehr einfache Technologie der Fruchtkonservierung hier zu realisieren.
Die Heilungsgruppe hat einen schönen Vormittag gestaltet. Zum ersten Mal scheint die Naturheilung richtig Gewicht zu bekommen. Zwar gab es immer Menschen hier, die ein Wissen über Heilkräuter und alte Heilmethoden bewahrt haben. Aber die meisten projizieren so auf konventionelle moderne Medizin, dass deren Wissen nicht mehr viel galt. Das könnte sich jetzt, durch den Globalen Campus ändern. Nicht nur Patrick und Irma teilen ihr Wissen, sondern auch Brigida aus San Josecito und ein Bewohner aus La Union.
Noelha: „Wenn wir krank sind, müssen wir nach Apartado ins Krankenhaus. Als Bauern mit wenig Geld müssen wir oft lange warten, manchmal werden wir gar nicht behandelt, weil wir nicht die richtigen Papiere haben. Manchmal werden wir falsch oder nachlässig behandelt, weil die Ärzte keinen Respekt vor den armen Leuten haben. Es sind schon einige Menschen aus dem Dorf gestorben, die nicht richtig behandelt wurden. Es macht mich glücklich zu wissen, dass wir immer mehr Krankheiten selbst behandeln können.“
Stark ist auch die Kulturgruppe. Es sind vor allem junge Leute darin, und Benjamin macht eine Mischung aus persönlicher Mitteilung und Studium politischer Heilungsgedanken. Dazwischen lernen wir – Campesinos, Indigene und Menschen aus Tamera – mit großer Begeisterung vierstimmige Lieder. Immerzu ist der Eros präsent. Immerzu wird geflirtet, sich umarmt, sich Blicke zugeworfen – die konzentrierte Arbeit in der Gruppe und das Studium steigern diese Freude aneinander und hilft gleichzeitig, sie in eine schöne Form zu gießen.
Ein bisschen schade ist, dass die Leute vom Consejo gerade fast durchweg tagen müssen – zusammen mit Gloria ist eine Frau gekommen, die ihnen helfen kann, ihren Kakao als biologisch zu zertifizieren. Da dies unmittelbar ihr Überleben angeht, hat das im Moment für die Verantwortlichen Vorrang vor der Teilnahme an den Arbeitsgruppen, was wir voll verstehen. Es ist unglaublich, was manche Leute hier leisten. (Fast wie in Tamera, möchte ich da einfügen.)
Bevor das Tagebuch weitergeht, eine kleine Erklärung. Diese Zeilen erheben nicht den Anspruch, allgemeingültig oder vollständig, journalistisch ausgewogen oder politisch korrekt zu sein. Es sind die in Windeseile aufgeschriebenen, mehr oder weniger persönlichen Eindrücke und Notizen in einer herausfordernden und ungewohnten Situation, und sie werden meistens in wenigen Minuten im Internetcafe oder frühmorgens vor dem ersten Treffen in die Tasten gehauen und schleunigst übersetzt. Die eigentliche journalistische Auswertung erfolgt später.
Also – ich kann mir selbst verzeihen, dass ich manche Dinge, die wichtig sein mögen, vergessen oder nicht erwähnt habe.
Was natürlich gar nicht schön ist, dass ich bis jetzt mit keinem einzigen Wort das Team beim Namen genannt habe, das seit Wochen vor Ort ist und den Global Campus vorbereitet hat, ohne das hier kein einziger Schritt der Pilgerschaft, kein Wort der Verständigung, kein Vortrag, keine Begegnung stattgefunden hätte. Das sind Andrea Regelmann und Irma Fäthke. Vor allem Andrea Regelmann hat diese Zeit jetzt durch viele Besuche seit sehr langer Zeit vorbereitet. Man merkt ihr an, dass ihre Seele in diesen Breiten zuhause ist und sich mit den Menschen und dem Klima wohl fühlt, dass sie fähig ist, auf minütlich wechselnde Vorgaben flexibel zu reagieren und zu improvisieren und dass sie das Vertrauen und auch die Liebe der Menschen hier genießt. Toll, dass wir sie haben und dass sie so ist, wie sie ist.
6.10.
Die Pilgerschaft ist vorbei, der Globale Campus beginnt – Grace geht weiter. Schon während wir in den Bergen waren, bestand nur ein Teil unserer Aktion im Wandern. Der andere Teil der Pilgerschaft lief parallel und war für die meisten von uns unsichtbar: ein ständiges Ringen um Verständigung, ein feiner Austausch im Leitungsteam auch der einen Seite von Eduard und dem Padre, die das Friedensdorf vertreten, mit Sabine Lichtenfels und Benjamin von Mendelssohn vom Global Campus. Auch Sami Awads Erfahrung und Beratung war hier sehr wichtig. Ebenso der Rat der indigenen Vertreter, deren Wissen besonders in dieser Region unschätzbar ist.
Es ging um Fragen wie: Was braucht die Gesamtgruppe, um zusammenzuwachsen zu einem wahrnehmenden Gemeinschaftskörper? Wie soll man reagieren auf Paramilitär in der Nähe? Was ist eine wirksame Friedensaktion im Namen von Grace? Was für Runden und was für einen Austausch brauchen wir, um uns wirklich gegenseitig zu verstehen? Wie begegnen sich zwei unterschiedliche Kulturen und wie wachsen sie zu einer Friedenskraft zusammen?
Das ist schließlich ein Sinn des Globalen Campus und der Grace-Pilgerschaft: Ein Wissen über eine tatsächliche Friedenskraft aufzubauen, über Gemeinschaftsbildung, Versöhnung, über das Zusammenkommen von innerer und äußerer Friedensarbeit und feldbildende Aktionen für eine Zukunft ohne Krieg.
Hier zeigt sich tatsächlich die Fähigkeit erfahrener und hingebungsvoller Friedensarbeiter, wie sie hier derzeit zusammenkommen. Sabine: „Ich bin sehr beeindruckt, wie tief die Verständigung geht und wie leicht sie oft auch in Situationen ist, wo wir schnell handeln müssen. Mit dem Padre besteht ein solches Vertrauen, dass oft ein Blick genügt, um eine Entscheidung zu treffen. Aber wir haben auch sehr lange Gespräche, in denen klar wird, wie tief sie sich über unsere Philosophie informiert haben, bevor sie in die Zusammenarbeit gegangen sind.“
7.10. Beginn des Globalen Campus
Am Nachmittag um 16 Uhr ist es soweit - wir sind soweit ausgeruht, einige haben den Vormittag genutzt, um in die Stadt zu fahren und die dringendsten Erledigungen zu machen – der Global Campus beginnt. Wir sind etwa zwischen 60 und 100 Teilnehmern – 30 Internationale und die anderen aus den Friedensgemeinden hier.
Sehr berührend ist die Teilnahme der Indigenen, die meisten von ihnen sind aus Cauca gekommen, gehören zum Volk der Nasa, das am besten organisierte Indianervolk in Kolumbien mit einer ganz eigenen Widerstandskultur.
Die Aula ist der Kiosk, ein bananenblattgedecktes offenes Rondell, größter Versammlungsplatz von San Josecito, in dem auch die Feste stattfinden, mitten im Dorf. Hühner, Pferde, Schweine mümmeln um uns herum, das ganze normale Dorfleben mit Arbeiten und Geräuschen findet statt.
Jetzt werden all diese unterschiedlichen Menschen zehn Tage lang uns gegenseitig in Überlebenswissen unterrichten. Man merkt vielen die Begeisterung an, die Vorfreude, mit der sie sich ins beste Hemd geworfen haben.
Einige sind vielleicht nie zur Schule gegangen. Man spürt hier: Bildung, Information und Bewusstseinsaufbau ist für die Menschen das, was sie unterscheidet und erhebt, was das Bewusstsein darüber weckt, wer man ist. Man muss sich nicht wundern, dass diese Menschen, von denen einige gerade mit Mühe Lesen und Schreiben können, Weltwissen mit größter Aufmerksamkeit einsaugen. In den Tagen, die sie hier verbringen, wissen sie, dass andere ihre Fincas bearbeiten oder Tiere hüten. Einige mussten lange und gefährliche Wege hinter sich bringen. So einen Einsatz bringt man für Wissen, das wirklich gebraucht wird, und so wissen sie oft über Imperialismus, über die Geschichte des Sozialismus, über internationale Zusammenhänge mehr als wir im Bildungswohlstand lebenden.
„Zwei Prozesse begegnen sich“, erklärt der Padre. „Der Prozess des Global Campus und der Prozess der Universität des Widerstands. Es gibt viele Unterschiede, aber auch sehr tiefe Gemeinsamkeiten.“ Der Padre beeindruckt mich jedes Mal, mit seiner ruhigen, besonnenen Art findet er immer die richtigen Worte für den Moment, die dabei helfen, ein Ganzes zu erzeugen.
Die Gruppen werden ausgiebig vorgestellt: Gesundheit, Technologie/Ökologie und Kultur.
Der Tag endet in einem Pizzafest: Es ist der Abschiedstag von zwei Menschen vom Projekt Küchen ohne Grenzen, und sie haben den Pizzaofen angeworfen und köstliche Pizza gemacht. Das ganze Dorf genießt diese exotische Delikatesse unter Begeisterungsstürmen.
8.10.
Der erste volle Tag des Global Campus.
Es beginnt tatsächlich mit Frühstudium und Morgenandacht um den „Gelben Stein“. Dieser wurde im letzten Jahr von Sabine Lichtenfels gesetzt und gemeißelt, er ist jetzt in der Dorfmitte und steht für die Verbindung der Friedensdörfer mit der Grace-Kraft.
Heute Vormittag bleiben wir im Plenum, es wird ein sehr voller geistiger Einstieg mit vier sehr intensiven Vorträgen von Sabine Lichtenfels, Hernan Braveheart, Sami Awad und Benjamin von Mendelssohn.
Sami Awad's Vortrag elektrisiert die Menschen. Die Situation in Palästina scheint der in Kolumbien sehr zu ähneln. Und hier ist ein Mann, der all das durchlaufen hat und zu einer Entscheidung der Gewaltfreiheit gefunden hat – ganz wie das Friedensdorf.
Benjamin zählt die fünf Non-Negotionables auf, die fünf Säulen des Globalen Campus:
Aufbau von konkreten Modellen, Balance von innerer und äußerer Friedensarbeit, Heilung der Kernthemen.
Der größte Teil des Tages aber steht unter der Überschrift: Öffnung für indigenes Wissen. In einem Land, das bis vor wenigen Jahrzehnten noch von Indianern bewohnt wurde, in dem auch jetzt noch unkontaktete Indianerstämme leben, die ihre Traditionen kennen und ihre Sprachen und Rituale wieder erneuern, ist diese große historische Chance gegeben, diese Wunde zu heilen.
In einem Bezug auf ihr eigenes Leben und die Erforschung urgeschichtlicher Quellen sagte Sabine Lichtenfels: „Jeder Mensch, der hier sitzt, hat indigene Wurzeln, egal ob wir aus Europa oder aus Amerika stammen. Wir sind alle irgendwann vertrieben worden und getrennt worden von unseren Wurzeln und unserer Verbindung zur Wissensquelle.“
Ein anderer Vortragsredner sagte: Indigen bedeutet nichts anderes als „Sohn oder Tochter der Erde“, es bedeutet, die Erde zu lieben und zu pflegen und ihre Gesetze zu befolgen.
Fernando, ein junger Teilnehmer der Nasa-Indianer, berichtete von seinem Aufwachsen, seiner Einweihung in das Wissen seiner Vorfahren, das in seinem Fall durch seinen Großvater geschah. „Es gibt nicht nur europäische Wissenschaft, es gibt auch eine sehr präzise indigene Wissenschaft, eine Form, Wissen zu erlangen. Der europäische Wissenschaftler spricht über die Pflanzen, der indigene mit den Pflanzen.“
Eine große Vision wurde sichtbar und fühlbar: Die Vision, dass die Tradition der Campesinos und ihres Widerstandes, ihrer großen und mutigen Entscheidung, aus dem System des Krieges auszutreten, sich verbindet mit dem Wissen der indigenen Völker.
Auf die Frage eines Mitgliedes des Consejos antwortete einer der Indigenen: „Es geht nicht um einen Vergleich zwischen Campesinos, Europäern, Palästinensern oder Indigenen. Indigen war einst die ganze Menschheit, es war die Verbundenheit mit der Erde, von der wir getrennt wurden. Ihr dürft euch alle Indigene nennen, wenn ihr euch wieder mit der Erde verbindet.“
José, ein junger Mann aus Los Mulatos: „Das Wissen der Indigenen hat es geschafft, dieses Land hunderttausend Jahre lang so zu bewirtschaften, dass es nicht zerstört wurde. Die Europäer kamen dann und haben dieses Wissen nicht erkannt und alles zerstört. Sie brachten Sklaven hierher. Und das Ergebnis sind wir, eine bunte Mischung von Menschen, die Campesinos. Wenn es stimmt, dass wir uns auch Indigene nennen dürfen, will ich das gerne tun und von diesem Wissen lernen.“
Ein neuer Vorgang scheint sich anzudeuten. Denn zwar hat das gemeinsame Schicksal der Verfolgung aus Campesinos und Indigenen Schicksalsgenossen gemacht, doch blieb man sich im Innersten eher fremd.
„Wir haben die Friedensgemeinde immer unterstützt“, sagt Fernando. „Es sind Menschen, die viel durchgemacht haben und Hilfe brauchen. Sie sind erst vor kurzem in dieses Land gekommen, wir sind bereits seit 40.000 Jahren hier. Wenn unser Wissen angenommen und gefragt wird, sind wir gern bereit, auch auf dieser Ebene zu helfen.“
9.10.
Was sich hier abspielt, ist wie ein kleines Wunder. Der Dorfplatz, der sonst so leer und träge da liegt, hat sich in einen echten Campus verwandelt, der vor Aktivitäten wuselt. Das neue Volleyballfeld, von Mafu und Janosch aufgestellt, wird mit Begeisterung angenommen. Daneben ist eine Gruppe von jungen Leuten und Kindern mit zwei Gitarren und singen den ganzen Liederschatz des Dorfes, tanzen, scherzen und albern. Wer sagt denn, es gäbe kein Musikfeld in San Josecito? Nicht unbedingt immer schön, aber immer sehr lebendig! Die Küche lockt die Menschen mit immer neuen kulinarischen Erfindungen an. Die Schweizer Organisation Küche ohne Grenzen scheint hier die Idee bekannt gemacht zu haben, dass Essen auch abwechslungsreich und lecker sein kann, und Amanda greift dies begeistert auf – zur Freude aller Dorfbewohner und internationalen Gäste.
Sami Awad ist immer von eine Horde von Kindern umgeben.
Einer der Indianer malt stundenlang mit einer speziellen Pflanzenfarbe Ornamente und Liebeserklärungen auf Oberarme, Schenkel und Gesichter – so verwandeln sich die Dorfbewohner langsam schon einmal optisch in Indianer.
Mafu's Gruppe hat mit dem Bau des Solartrockners begonnen.
In der Heilungsgruppe wird der Boden bereitet für ein Heilpflanzenbeet.
Die Gruppe des Steinkreises befasst sich mit dem Finden von vier Kosmogrammen für einen kleinen Steinkreis für San Josecito.
Richard Weixler spielt den Hans Dampf in allen Gassen und macht unglaubliche Angebote, die für die Gemeinde noch etwas schnell kommen. Jetzt fand er bei einem Bauern im Nachbardorf einen gefangenen Ozelot gefunden. Nach zähen Verhandlungen mit Hilfe des Consejos haben sie eingewilligt, ihn freizulassen – im Austausch übernimmt Richard die Patenschaft für eins ihrer Kinder, damit es eine gute Ausbildung bekommt. Gestern Nachmittag fand dann die Befreiungsaktion der völlig entkräfteten kleinen Raubkatze statt.
Gloria Cuartas und Leon Octavio sind eingetroffen – und mit ihm unser Filmteam. Gloria begann temperamentvoll wie gewohnt mit einem Vortrag über die jetzige politische Situation Kolumbiens und der Welt. Derzeit sorgt ein Streik des Gerichtswesens und der Zuckerrohrarbeiter für einen nationalen Ausnahmezustand mit Militärrecht – die Versammlungsfreiheit scheint in Gefahr zu sein.
„Ich will euch sagen, warum es gerade jetzt so unglaublich wichtig ist, dass die Universität des Widerstandes stattfindet und sich die verschiedenen Gemeinschaften treffen. Die Welt blickt auf dieses Friedensdorf. Es befindet sich in der Mitte einer geostrategischen Planung. Hier soll ein neuer Kanal entstehen, der den Pazifik und den Atlantik verbindet – ein Vorhaben, das die Wirtschaft ganz Kolumbiens und ganz Lateinamerikas verändern wird. Schon lange wurde versucht, die vielen kleinen Gemeinschaften, die vielen humanen und kulturellen Organisationen dieser Region auszurotten. Die Friedensgemeinde befindet sich auf einem neuralgischem Punkt. Wider aller Vorhersagen, trotz aller Angriffe hat sie bis heute Bestand gehabt, wer hätte eine solche Standkraft jemals voraus ahnen können? In Kolumbien selbst wird sie von vielen Seiten bekämpft. Sie hat viel mehr Freunde außerhalb als innerhalb des Landes. Alle kleinen Gruppen und Gemeinden weltweit müssen sich zusammenschließen und eine solche Kraft bilden, dass man sie nicht ausrotten kann.“
Im Moment sitze ich im Frühstudium – auch so ein kleines Wunder. Ab halb sechs, wenn es hell wird, kommen die ersten hierher – Tamera-Leute und Dorfbewohner – und studieren. Manche – Kinder und Erwachsene – malen mit Irma an einem Tisch, andere lesen oder schreiben oder meditieren. Es gibt Kaffee, und zum Sonnenaufgang gibt es eine meist kurze Morgenandacht und immer noch fast eine Stunde Zeit bis zum Frühstück. Fast wie zuhause...
 2. - 6. 10.

6.10.
Es ist nur ein kleiner Weg, zwei Stunden zurück nach San Josecito. Der Nachmittag wird ein Ausruhtag für alle bis auf unser Leitungsteam, das nun den Global Campus organisiert.
Es ist wieder einmal erstaunlich, was dieses Team leistet, allen voran Sabine Lichtenfels, die ja an jedem Ort diejenige ist, die die richtigen Worte finden und die Menschen zusammen bringen muss. Wie stark es ist, in ihr eine so starke Kraft und Orientierung für Menschlichkeit zu haben. Sie strahlt etwas aus, das in den unterschiedlichsten Menschen Vertrauen erzeugt, in den unterschiedlichsten Situationen. Und auch in Momenten der Schwäche, wo man so leicht emotional reagiert, kann man sich daran wieder aufrichten.
Richard Weixler ist eingetroffen, ein Österreicher und guter Freund von Tamera, der mit seinem Verein schon viele Regenwälder aufkaufte, um sie vor dem Abholzen zu retten.
Heute Nachmittag beginnt um 16 Uhr der Global Campus. Ich hoffe, ich kann immer wieder online gehen und berichten.
5.10.
Abstieg nach La Union. Aber zuerst wieder ein langer Aufstieg. Wir sind vorgewarnt, brechen früh auf und gehen von Beginn an in einem Tempo, das wir gut ertragen können.
Einige von uns, die etwas krank sind, können auf Mulis reiten. So erreichen wir am Nachmittag La Union, das nicht nur eine Finca ist, sondern ein richtiges Dorf mit schätzungsweise 200 Bewohnern, Schule, Stromanschluss etc.
Beim offiziellen Empfang wird uns die Geschichte des Dorfes berichtet, wie sie vor mehreren Jahrzehnten herkamen, den Wald rodeten, mit dem Anbau begannen, wie die Verfolgungen begannen, wie sie immer wieder vertrieben wurden, aber wieder kamen.
Im Juli 2000 dann statuierte das Paramilitär ein Exempel und erschoss alle Führer von La Union auf dem Dorfplatz. An der Stelle liegen jetzt runde bemalte Steine mit den Namen der Toten.
Für das Ritual hier werden die Fotos der Menschen auf die Steine gelegt und ein Feuer entzündet. Das macht sie sehr lebendig.
In der Nacht gibt es Party und Tanz.
In unserer Gruppe spielen sich viele Dinge ab – in das unendliche Mitgefühl für die Opfer dieses Krieges mischt sich Verwirrung, wenn man sieht, wie sehr die Menschen z.B. in ihrer Musik den Krieg selbst fortführen. Oder wie unsensibel die Natur behandelt wird. Es ist nicht an uns, hier zu Gericht zu sitzen. Doch es gibt noch einiges zu tun, um wirklich ein Beispiel zu setzen für eine Kultur des Lebens.
„Verändern können wir immer nur uns selbst“, der Satz von Peace Pilgrim fällt mir ein.
4.10.
Früh morgens erreicht uns eine erschreckende Nachricht. Paramilitärs sind ganz in der Nähe. Sie haben einige Mitglieder des Consejo kurz gefangen genommen, aber wieder frei gelassen unter Drohungen. Schnell ist entschieden, dass wir einen Trupp bilden, aus fast allen Internationalen und einer großen Gruppe Campesinos. Alle zusammen wollen wir uns den Paramilitärs zeigen, damit sie sehen, dass wir viele sind und dass sie die Bauern hier nicht ungesehen bedrohen und ängstigen können. Wir rennen fast durch den Wald, eine Stunde lang, möglichst leise. Der Padre mit einer Mitarbeiterin von Peace Brigades geht fünf Minuten voraus, um möglichst den ersten Kontakt abzupuffern.
Als wir schließlich die Stelle erreichen, wo in der Nacht die Campesinos von den Paramilitärs festgehalten worden waren, ist niemand mehr da. Wir stehen in einem Tal, in der Mitte ein wunderbarer Baum. Einige der Jungen möchten den Paramilitär hinterrennen, aber wir entscheiden uns, hier, um den Baum herum, ein Gebet zu sprechen. Als der Pade spricht, hört man Schüsse im Hintergrund. „Hier, unter diesem Baum, einem Symbol des Lebens, wo wir gleichzeitig denen so nahe sind, die so viel Tod gebracht haben, hier setzen wir ein Zeichen für das Leben.“
Einige von uns haben das Gefühl, dass die Paramilitärs noch da sind, dass sie uns beobachten im Versteck der Bäume und Berge. Wie wir wohl auf sie wirken, eine bunte Gruppe, wie wir sind, Bauern, Kinder, Indianer, Europäer! In diesem Moment zeigt sich im Baum eine große Schlange! Ein Gruß der Erde selbst.
Gildardo bedankt sich sehr für unsere Bereitschaft, mitzukommen. Er ist sicher, dass sich jetzt herumspricht unter allen bewaffneten Gruppen, dass die Bauern einen starken Schutz haben.
Auf dem Rückweg werde ich von Fernando begleitet, einem Indianer der Nasa – ein sehr ruhiger und gesammelter junger Mann. Mit meinem wenigen Spanisch können wir kaum reden, aber es ist ein sehr schöner Kontakt.
Als wir zurück sind, teilen wir uns auf in kleinere Gruppen und machen Sharing-Runden jeweils zu drei Fragen:
1. Was ist euch passiert?
2. Was ist euer Traum?
3. Was für Hindernisse gilt es zu überwinden – innerlich oder äußerlich?
Unsere Runde ist sehr bewegend. Ein Mann, der sehr sehr einfach aussieht, erweist sich als profunder Kenner der Geschichte des Sozialismus und Imperialismus. Er sagt: „Der Imperialismus ist auf uns getreten.“ Alle, die bei uns sitzen, haben enge Verwandte verloren. Ein Mann wurde mit seiner Familie acht mal vertrieben. Eine junge Frau sagt: „Meine Familie schickte mich nach Apartado in die Schule. Und dann, im Jahr 2000, wurde mein Vater umgebracht.“ Die anderen lachen und sagen: He, deine ganze Familie wurde umgebracht!
Man ist manchmal so erschüttert, ahnt aber, dass sie sich nicht wirklich leisten können, zu trauern, sondern sich gegenseitig auch mit Scherzen oder Tapferkeit über die Trauer hinweg helfen.
Auf die Frage, was ihr Traum ist, sagt Jairo: „Dass die Communidad de Paz so stark wird und so attraktiv, dass die bewaffneten Gruppen eines Tages ihre Waffen zur Seite legen und sich uns anschließen.“
Als wir wieder im Plenum zusammenkommen, haben uns die Kinder Früchte gesammelt – Orangen und einige Kokosnüsse. Zwei von ihnen gehen in die Mitte und antworten ebenfalls auf die drei Fragen, am liebsten mögen sie von der Zukunft sprechen und was sie sich wünschen. „Internet im Dorf, eine größere Schule, mehr Land und dass man das Land ohne Bedrohung bestellen darf.“
Am Abend gibt es wieder ein Ritual am Feuer und ein Gebet. Verschiedene Elemente werden sichtbar. Sami Awad singt das Vater Unser auf arabisch. Einer der Indigenas spricht ein Gebet in ihrer Sprache. Einige der Internationalen lesen Gedichte oder Gebete vor.
Am Ende geht jeder in die Mitte und legt den Stock ins Feuer, den er von Anfang an mit sich getragen hat.
3.10.
In Los Mulatos verlässt uns die Guarda der Nata-Indianer. Danke für diese Begleitung!
Wir machen eine Zeremonie zu Ehren von Luis Eduardo Guerra und seiner Familie hier in der Kapelle. Der Padre und einige ausgewählte Menschen der Gemeinde lesen Texte aus der Bibel, Sabine spricht: Luis Eduardo, möge dein Tod nicht vergeblich gewesen sein, möge das Leben wieder an diesen Ort zurückkehren.
Wir singen aus dem Text United Fruit Company den letzten Abschnitt inklusive der neuen Stelle. Es passt geradezu unheimlich gut. Ich habe das Gefühl, dass der Canto hier richtig lebendig wird.
Heute haben wir eine kürzere Strecke. „Eine Stunde“, sagen die Leute von San Josecito. „Fünf Stunden“, korrigiert der Padre. So ist es dann auch.
Wir sind nun hoch in den Bergen. An einigen Stellen sieht man die Küste, den Golf von Uraba. Der Wald ist sehr dicht. Und doch ist es lange kein Primärwald mehr, was wir sehen, ist das Ergebnis von 50 Jahren Bewirtschaftung durch die Campesinos, eine Mischung aus Rodungen, Feldern und Weiden, zwischen denen sich die Fruchtbarkeit wieder ausbreitet.
Wie es hier vor dreißig, vierzig Jahren einmal ausgesehen haben mag, sehen wir, als wir plötzlich einem Urwaldriesen gegenüber sehen: Sicher 100 Meter hoch oder mehr, kaum von 10 Leuten zu umfassen, steht er mitten im Busch, ein Wesen einer anderen Zeit. Auch das müssen wir als Realität hier akzeptieren: Die Zerstörung der Natur durch die Campesinos, damit sie selbst überleben können.
Wir kommen nach La Esperanza. Vor drei Wochen gab es an dieser Finca ein Gefecht zwischen Paramilitär und Guerilla. Dabei waren 20 Paramilitär gefallen. Die Campesinos fürchten nun, dass die Rache der Paramilitärs sie trifft. Deshalb sei es gut, dass wir mit ihnen da sind, das würde beobachtet und sich herumsprechen, und internationale Präsenz ist der Schutz für die Bauern.
La Esperanza ist ebenfalls ein Rückkehrerort, ein paar einfache Unterstände, Reisfelder, Kochbananen, Kokospalmen, Mais, Orangen, ein zwei Kühe, drei, vier Schweine... Die Bauern produzieren für den eigenen Bedarf und für den Verkauf. Es ist schon erstaunlich, ein so weiter Weg ins Tal, mit welcher Mühe jedes kleine Ding, das man braucht, einen solchen Weg getragen werden muss, was das Leben hier für die Menschen attraktiv macht.
Wir sind schon am frühen Nachmittag angekommen, hängen unsere Hängematten dicht bei dicht unter dem Vordach eines Schuppens auf. Es gibt Zeit, sich auszuruhen und ein Sharing zu machen.
Ein wunderbarer Fluss lädt zum Baden ein, das Wasser ist herrlich, die müden Knochen können regenerieren.
Trotz allem ist hier noch so viel Ursprüngliches wahrzunehmen, solche Fülle! Einer der letzten Orte, an den sich Mutter Natur zurückgezogen hat, so kommt es mir vor.
Am Abend ist es sternenklar – eine Seltenheit! Überall flimmern Leuchtkäfer, oben auf den Spitzen der Hügel ragen vereinzelte letzte Urwaldriesen in den Himmel.
Wir haben eine Dschungelklinik: Irma und Patrick versorgen Schürfwunden und Blasen sowie Fieberanfälle mit großer Hingabe und Geduld. Auch die Campesinos und Indigenas finden sich hier gerne ein, so dass die beiden bald feste Sprechstunden einrichten.
Der Consejo tagt. Sie kommen zu dem Schluss, die Pläne zu ändern. Wir werden am nächsten Tag nicht wie geplant nach Neu Antiochia und zurück wandern, sondern hier bleiben und mit allen Teilnehmern zusammenkommen und uns austauschen.
2.10.
Wir gehen von San Josecito nach Los Mulatos. Es ist der größte Gang auf dieser Pilgerschaft. „3 Stunden für uns, 6 für euch,“ hatte Eduard gesagt. Der Padre korrigierte: 9 Stunden. Es wurden schließlich 11.
Wir brachen um 9 Uhr auf, nach einem einfachen Ritual, wo jeder sich einen Stock genommen hatte, den wir schälten und „sein Herz freilegten“ und den wir oben verbrennen würden.
Wir sind schätzungsweise 150 Leute – Kinder, Frauen, Männer, Ältere, Internationale, Indigene, Maultiere, Hunde. Zu Beginn und am Ende des Zuges geht die Guarda, Nasa-Indianer mit den Stöcken – eine spezielle Form des gewaltfreien Widerstandes in Kolumbien, eine spirituelle und sehr beeindruckende Schutzkraft.
Es waren lange Aufstiege durch Kakaoplantagen, bei denen vielen von uns bald die Luft wegblieb. Ein heftiger Regen brachte Erfrischung – verwandelte aber auch die Wege in Schlamm, durch den wir nun stapften. Immer wieder blieb man hängen, der Matsch saugte sich am Gummistiefel fest – ein mühsames Vorankommen. Das ist der Alltag der Menschen hier. Und mit offenen Mund schaut man zu, wie sie permanent über Matsch und Stock und Stein geradezu rennen.
Auf einem Berg vermutet man Minen, die einst von Guerillas gelegt worden waren. Hier durfte man nicht den Weg verlassen, sondern hintereinander gehen.
Gegenseitige Hilfe bekommt ein völlig neues Gewicht. DER Grundwert von Gemeinschaft, ohne die sie nicht leben kann. Man fragt sich dauernd gegenseitig, wie es einem geht, und das ist hier KEINE Floskel. „Gut“, aber am Tonfall hörst du, dass der andere doch eine helfende Hand oder eine Aufmunterung braucht. Es gibt Menschen, die ihre Helferkraft regelrecht entfalten in dieser Situation, Robert, Anna, Katja gehören für mich dazu, sie werden für mich regelrecht zu Schutzengeln. Ruben, ein Kolumbianer, der schon einmal in Tamera war, munter die Menschen permanent durch alberne Faxen und eine überströmende Heiterkeit auf – wenn alles erschöpft ist, legt er einen Steptanz hin.
Ich hatte einen beängstigenden Moment: Nach einer Flussüberquerung, bei der ich etwas ängstlich gewesen war, bekam ich auf einmal keine Luft mehr. Ich konnte einfach nicht mehr atmen. Robert und Katja gingen etwas vor mir. Mit meiner letzten Luft rief ich sie, konnte ihnen aber kaum noch erklären, was los war. Schließlich nahm mich Robert ganz fest an sich, ich sammelte und beruhigte mich, und dann kam die Luft wieder. Von da an gingen wir zusammen.
Es wurde irgendwann klar, dass sich alle verschätzt hatten und wir nicht im Hellen ankommen würden. Dazu kam, dass der Fluss durch den Regen so angeschwollen war, dass wir nicht ihm entlang gehen konnten, sondern ihn immer wieder überqueren mussten. Etwa 20 mal stapften wir durch den Fluss, der an den tiefsten Stellen bis zu den Oberschenkeln ging, zwei mal sogar bis zum Bauch, und sehr reißend war. Wir hielten uns im Dunkeln an den Händen und formten Ketten von vier bis fünf Leuten. In unserer Kette wurde nur einmal jemand weggerrissen, Mario, unser wackerer Spanier, aber Katja ließ ihn nicht los, so dass wir ihn tropfnass wieder rausfischen konnten. Die zwei Liter Wasser in den Gummistiefeln lohnten sich irgendwann nicht mehr auszuleeren. Ein gewisser Galgenhumor machte sich unter uns breit, es half ja nichts, man musste sich hingeben, und hatte man sich nicht immer schon mal einen Abenteuerurlaub gewünscht?
Wir erreichten schließlich Los Mulatos, ein Weiler, in dem es eine Schule und eine Krankenstation gibt, in den die Menschen jetzt zurückkehren nach dem Massaker von 2005.
Schon vorher waren wir an einigen Fincas vorbeigekommen. Hier sahen wir als erstes die Kapelle zu Ehren von Luis Eduardo Guerra und seiner Familie, die hier erschlagen worden war.
Es war ein völlig provisorisches Camp, das hier aufgebaut war für uns, und statt der 27 Schlafplätze gab es nur 13. So hing man für den Rest unserer Leute Hängematten zwischen den Bäumen auf, über- und untereinander, überdacht jeweils durch eine schwarze Plastikplane gegen den Regen. Da lagen die einen auf harten Brettern in Zelten wie in Ölsardinen, was einem nicht allzuviel ausmachte, erschöpft wie man war.
Schöne Situationen, wie wir ein Feuer machten, um unsere Sachen zu trocknen, und sich nach und nach auch die schönen Menschen der Guarda dort einfanden, um ihre Socken in den Rauch zu hängen.
Die Natur kann regelrecht gemein sein: Als ich nachts mal rausmusste und mich an einem Stamm abstützen wollte, griff ich voll in scharfe Dornen und riss mir die Handflächen auf, die sich auch gleich entzündeten.
 1. Oktober - Start der Pilgerschaft

Der erste Tag der Pilgerreise fuehrte uns heute zur Militaerstation der Brigade, in der die Massaker in San Jose geplant und durch die sie ausgefuehrt wurden.
Bereits gestern abend reisten Bewohner aus den umliegenden Gemeinden an, Friedensarbeiter aus Bogota und Indigene aus ganz Kolumbien.
Es gab eine lange Einstimmung, eine Rede von Padre Javier Giraldo, dem Jesuit, der die Friedensgmeinde schon lange begleitet - ein sehr bescheidener und gleichzeitig sehr fester und starker aelterer Mann, die Friedensmeditation von Sabine Lichtenfels, die in spanisch, arabisch, deutsch und englisch verlesen wurde und sehr viele Menschen sehr beruehrte, eine Vorstellung der verschiedenen Indianergruppen und einen neuen Film ueber das Friedensdorf von einer Gruppe aus Medellin.
Die Zeremonie mit all ihren verschiedenen Aspekten war sehr beruehrend. Wir erhielten jeder ein Holzkreuz und eine Kerze, in das Holzkreuz war der Name eines der getoeteten Menschen aus der Friedensgemeinde geschrieben. Auf diese Weise nahm jeder eines der Opfer ganz nahe zu sich. Als wir die Kerzen entzuendeten und es im Versammlungsraum ganz hell wurde, war dies ein besonderer Moment. Wie Sabine sagte: Jeder Tod traegt auch einen neuen Anfang in sich.
Der Abend war liebenswert chaotisch. So viele verschiedene Menschen. Wir hatten eine Einfuehrung erhalten, wie man Indigenen gegenueber respektvoll in Kontakt geht. Das wird waehrend der Pilgerreise besonders spannend werden.
Heute sind wir dann nach einer intimeren Zeremonie nur unter uns und den Fuehrungsfiguren der Friedensgemeinde aufgebrochen. Acht Busse brachten uns nach Apartado. Die ganze Zeit war Polizei bei uns. Wir passierten auch das Gefaengnis, in dem Jairo zwei Jahre nach falscher Anklage eingesperrt gewesen war. Er sass neben mi rim Bus, und neben seinen Scherzen war der SChmerz ueber diese Zeit der Ungerechtigkeit zu spueren.
Dann hielt uns das Militaer auf. Wir durften nicht bis zur Station fahren, sondern einige hundert Meter davor anhalten. Die Diskussion zwischen dem leitenden Offizier, Sabine und dem Padre war sehr aufschlussreich. “Wir respektieren die Friedensgemeinde, aber wir wollen nicht, dass sie bei uns demonstriert, wir kommen doch auch nicht zu euch zum demonstrieren.”
Ein anderes Argument war stichhaltiger: “Die Soldaten, die euch das angetan haben, stehen derzeit vor Gericht. Die jetzt hier sind, haben nichts damit zu tun. Wir wollen nicht, dass ihr sie anklagt.”
Sabine sagte: “Wir kommen nicht, um anzuklagen. Wir wollen friedlich meditieren und beten fuer eine Welt, wo kein Militaer mehr noetig ist. Auch fuer eure Zukunft.”
Doch er blieb fest. Und so nahmen wir den Kompromiss in Kauf, auf der offenen Strasse unsere Kundgebung zu machen.
Sabine sagte dazu: “Als wir zum Kompromiss bereit waren, wurde die Situation weich, auch der Buergermeister entspannte sich. Das wichtigste ist, die andere Seite nicht mehr als Feind wahrzunehmen.”
Es gab wieder Reden von Javier Giraldo, wie beruehrend es ist, wie er Jesus immer wieder als Zeugen nimmt fuer Leid und Transformation. Sabine Lichtenfels sprach kurz, und schliesslich sangen wir Nuestra Tierra aus dem Canto General. Noch nie hat der Text des Liedes besser gepasst als hier: Nuestra Tierra! Unsere Erde, unser Land.
Im Moment ist die Pilgerschaft auf dem Rueckweg in die Friedensgemeinde. Der Weg, auf dem wir gehen, war der Schauplatz hunderter von Morden. Da es der einzige We gist, der die Friedensgemeinde und alle umliegenden kleinen Doerfer mit der Aussenwelt verbindet, wurde er jahrelang vom Militaer benutzt, um diese Arbeit zu kontrollieren und die Menschen zu terrorisieren.
Es ist schon ein Hammer, wenn diese Tatsache von den Militaers heute so ignoriert wird.  September 30th

Es wird gerade hell, die ersten Frühaufsteher unserer Gruppe sitzen auf der Restaurantterrasse der „Küchen ohne Grenzen“. Unter uns rauscht der Fluss, die Nebel verziehen sich, und nach dem heftigen Regen dieser Nacht hat sich die Dorfwiese in einen Sumpf verwandelt. Morgen ist der Tag, wo wir mit 400 Menschen, darunter 50 Indigenen, zu Fuß nach Apartado gehen, um im Namen von Grace die Militärstation besuchen, von der aus die vielen Massaker befohlen wurden.
Überall picken Hühner herum, Hunde, Schweine, ein paar Pferde. Die Fledermäuse sind in einem dichten Gewusel in ihr Schlafgemach über unseren Köpfen zurückgekehrt, wo sie im Strohdach ihre Schlupflöcher finden. Das Küchenteam unter der Leitung unserer alten Freundin Amanda ist schon eine Weile am Arbeiten, sie kochen Kaffee, schälen Bananen – sechs dralle Frauen in weißen T-Shirts, die hier mit der Dorfküche ihren Lebensunterhalt verdienen.
Wir sind also in San Josecito angekommen. Der größte Teil unserer Delegation, 19 Menschen, ist zwei Tage lang im Bus gefahren, so konnten wir die Schönheit und Üppigkeit dieses Landes genießen. Durch eine üppige Landschaft, tropische Wälder, breite, reißende Flüsse, Berge und Straßen, die im heftigen Regen immer wieder abrutschen und abenteuerlich an steilen Abhängen vorbeiführen. Dazwischen fuhren wir durch winzige Dörfer, sahen in matschigen Gassen und Hütten die Anmut von Frauen, Männern, Kindern, die sich in der Hitze räkeln. Die große Einfachheit des Lebens, aber auch Armut, dann wieder unglaublicher Reichtum, Villen mit großen Swimming Pools. An Brücken und ähnlichen Punkten stehen immer Soldaten – Teenager mit Maschinengewehren schauen einen mit großen Augen an oder spielen die coolen Machos.
Wir waren oft an den Satz erinnert: Es gibt die Welt, die uns geschaffen hat, und die Welt, die wir geschaffen haben. Beide müssen zusammen kommen, das ist das Ziel der Reise.
In San Josecito werden wir von den anderen unserer Pilgergruppe begrüßt, dazu von all den Menschen, die uns ans Herz gewachsen sind, die wir seit Jahren kennen von ihren Besuchen in Tamera oder von der Pilgerschaft in Israel-Palästina, tauchen auf: Gildardo, Jairo, Martha, Arley, Brigida...
Schließlich Apartado, eine Bananenstadt – eine Großstadt aus Hütten, Bretterbuden und kleinsten Häuschen. Als wir abbiegen in die Straße nach San Jose, sagt Bijou: Hier ist die Stelle, wo am meisten Menschen umgebracht wurden. Der Gedanke greift wie eine kalte Hand ans Herz. Die Angst, die bei dem Wort Kolumbien immer unterschwellig dabei ist, kommt an die Oberfläche.
Die Kinder von San Josecito sind glücklich, wegen uns haben sie zwei Wochen schulfrei. Denn die meisten von uns sind in der Schule untergebracht, dicht an dicht auf Matten in der Schule. Aus Moskitonetzen haben sie uns ein regelrechtes Gespinst aufgebaut, unter dem wir unsere Schlafplätze einrichten.
Man schläft überraschend gut, obwohl das Licht einem ins Gesicht scheint, die Musik dröhnt und es schwül ist. Das tropische Klima ist wie eine Umarmung, warm mütterlich, manchmal erdrückend. Es geht um Hingabe.
Vorträge von mehreren Mitgliedern des Consejo über die Geschichte der Region und des Friedensdorfes. Man kann die Geschichte so sehen, dass diese Region, dieses Dorf ein Spiegel ist für den ganzen Konflikt in Kolumbien. Hier war das Zentrum der ersten Gemeinschaftsgründungen der Campesinos, hier gab es Massaker, hier gab es Guerilla, hier legten Guerilla ihre Waffen weg und formten eine politische Partei, die stark auf allen politischen Ebenen wurden, und hier schließlich hat das Paramilitär systematisch die Anführer umgebracht, die Bauern vertrieben – gesteuert von den USA, deren großartige Erfindung des Paramilitarismus hier in den frühern Sechzigern so effektiv umgesetzt wurde, unterstützt von allen Strukturen des kolumbianischen Staates.
Wir erhalten hier ein unglaubliches Geschenk: der Teil der Welt, den man sonst nie hört, hat ein Bewusstsein und eine Stimme bekommen und spricht zu uns, wird Zeuge seiner eigenen Geschichte. Es ist die Welt derer, die man nie wahrnimmt, die tatsächlich auf der unteren Seite der Welt leben, die gejagt, umgebracht, erschlagen werden, erdrückt von der Wucht unseres Systems.
Es gab sie immer, aber sie waren ausgeschlossen aus unserer direkten Wahrnehmung, jenseits dieses grotesken Verdrängungsapparates. Man nahm ihnen das Recht auf Leben, immer außerhalb unseres Gesichtskreises, so dass wir es verdrängen konnten und so tun, als geschähe es nicht. Nur eine dumpfe Angst nahmen wir wahr, ein Stück Absterben unserer Seele.
Doch sie haben es irgendwie geschafft, sich ihrer selbst bewusst zu werden, trotz Schmerz und Angst ihre Stimme zu erheben.
Erschütternd ist das systematische Vorgehen, wie das „System“, diese unselige Allianz aus Regierung, Großunternehmen, Söldnern aller Art, seit Jahrzehnten und mehr ganze Regionen unter ihre Kontrolle bringt. Die gleichgeschalteten Medien und unsere Gleichgültigkeit sind deren engste Komplizen.
Aber der Gegenspieler ist das Leben selbst, und das konnten sie noch nicht ausrotten.
„Wir haben das Friedensdorf gegründet, um das Leben zu ehren, nicht den Tod“, sagt Eduard, einer der Leiter, der die Pilgerreise koordiniert.
Das System des Todes beenden – das heißt, nicht mitzuspielen im Spiel der Angst, nicht wegzulaufen, wenn man bedroht wird, wenn die Menschen um einen herum umgebracht werden, Gemeinschaft bilden, sich gegenseitig unterstützen und immer wieder eine Möglichkeit finden zu überleben, weiter zu machen.
Erschütternd auch, auf wie viele Weise man versucht, das Friedensdorf auszurotten – Massaker, Lebensmittelsperren, jetzt die Action Social, wo Bauern korrumpiert werden, die mit dem Militär kooperieren, die das Recht auf ihr Land aufgeben oder zu Spitzeln werden. Wie subtil dieses Vorgehen ist!
Da die Friedensgemeinde nicht kooperiert und keine Informationen weitergibt, sind nicht nur sie davon ausgeschlossen, sondern auch die Nachbarn in der Region. Sie erhalten keine Gesundheitsfürsorge, keine Ausbildung. Im Moment sammelt der Bürgermeister von Apartadó Unterschriften gegen die Friedensgemeinde.
Und wie sie immer wieder eine Möglichkeit gefunde haben, weiter zu machen. Jeder Schritt, der sie ausrotten sollte, führte zu einer neuen Aktion des Überlebens, der Bildung einer neuen Kraft.
Die Pilgerreise wird uns an viele Orte führen, an denen schmerzhafte Erlebnisse ihrer Vergangenheit geschehen sind, Massaker, Vertreibungen, eine Reise durch die Geschichte des Friedensdorfes.
„Ihr werdet bis über die Knie im Matsch stehen, es wird regnen, es wird zu heiß und manchmal auch zu kalt sein, es wird Moskitos geben – für euch wird es manchmal schwer werden, aber für uns ist es die Natur, die uns daran erinnert, lebendig zu sein, genährt zu sein.“
Er sagte auch: „Ich sehe, ihr seid berührt von dem Morden und den Massakern. Seid viel mehr berührt durch das Leben! Es ist viel mehr Leben hier als Tod.“
Wir fragten: Gab es schon einmal Situationen, wo Paramilitär oder Soldaten so berührt waren, dass sie ihre Gruppe verlassen haben und zu euch gekommen sind?
Nein, aber es gab schon den umgekehrten Fall.
Das könnte ein Ziel der Pilgerschaft sein: Eine solche Berührung zu erzeugen, dass die ersten Soldaten und Paramilitär ihre Waffen wegwerfen, die Seite wechseln und zum Friedensdorf kommen.
Morgen geht es los, mit 400 Menschen, darunter 50 Indianer, zunächst nach Apartado, zum Militärstützpunkt. Es ist das Bataillon, das die meisten Massaker verübt hat. „Wir haben eine Botschaft für sie, die sie nicht mögen werden und die sie wütend macht. Wir werden ihnen sagen, dass sie uns umbringen.“
 Tagebuch

27. September - die letzten Vorbereitungstage
by Leila Dregger
In der Herberge Anandamayi in Bogota ist seit einigen Tagen ein wunderschoenes und erstes Ankommenslager fuer die internationalen Teilnehmer der Pilgerreise. Das Organisationsteam leistet sehr viel, um die vielen Vorhaben vorzubereiten: den Fuenf-Tage-Marsch durch den Regenwald und die abgelegenen Doerfer der Friedensgemeinde, den Global Campus mit seinen verschiedenen Seminaren und praktischen Ausbildungseinheiten und die Medienpraesenz durch ein Filmteam.
Zu den Menschen aus dem Friedensforschungsdorf Tamera sind weitere Teilnehmer eingetroffen: Sami Awad aus Palaestina, Hernan Braveheart, der Lakota-Schamane aus USA und Peru, und viele andere. Leider musste der Erfinder Juergen Kleinwaechter absagen, da seine Firma ihn derzeit braucht.
Von San Jose de Apartado hoeren wir taeglich ueber die Vorbereitungen vor Ort. Eine grosse Gruppe von Indianern plant zusaetzlich die Teilnahme.
Die kurze Zeit in Bogota reicht nicht, um diese Stadt wirklich aufzunehmen. Wir leben in der Altstadt, die mehr wirkt wie ein Dorf mit ihren vielen kleinen Haeusern. Auffallend sind die vielen schoenen Menschen, aber auch die vielen unterschiedlichen Uniformen und sehr viele arme Menschen, Bettler, Obdachlose. Hier beruehren sich Schoenheit und Leid sehr tief.
Ein Minutenverkaeufer, einer der Leute, auf deren Handys man an den Strassenecken telefonieren kann, sagte uns: Als Touristen habt ihr nichts zu befuerchten. Angst haben muessen nur die Armen in Kolumbien, denn unser Praesident mag die Armen nicht.
Gleichzeitig bekommen wir Kontakte zu einer reichen und schoenen Szene in Bogota von Menschen, die eine andere Welt aufbauen wollen.
Einige von uns besuchten einen Kongress der Oekodoerfer Kolumbiens, der in einer Universitaet stattfand. Unter den Referenten war auch Dorothy Mclean, die Gruenderin von Findhorn. Viele kannten Tamera, es war fuer sie eine Sensation, dass wir auftauchten, und sie wuenschen sich, durch uns Kontakt zu den Friedensgemeinden zu bekommen. Diese Verbindung koennte sehr wichtig werden.
So haben wir den Schamanen Taita Orleando Gaita kennengelernt. Er ist ein Gewinner des Alternativen Nobelpreises und ein Vertreter eines kolumbianischen Indianervolkes. Er huetet heilige Plaetze und Naturreservate in Kolumbien - durch aktiven Naturschutz und durch Rituale. Ein beeindruckender Mensch, voller Humor und Geist.
Er lud die Gruppe ein, sich mit ihm durch ein intensives Ritual eine ganze Nacht lang auf die Pilgerschaft vorzubereiten. Zwoelf Menschen nehmen zur Stunde daran teil, sobald sie zurueck kommen, werden die meisten aufbrechen und mit dem Bus ueber Medellin nach Apartado fahren.
 Besuch bei Gloria Cuartas

Donnerstag 25. September 2008
von Sabine Lichtenfels
Am frühen Morgen fahren wir los. Meike, Anna Conte, Benjamin von Mendelssohn, Sami Awad, Airilio unser Führer, ein Fahrer und Sergio, der den zweiten Wagen fährt. Er ist Professor der Universität für Umweltfragen. In einem Ministerium in Usme machen wir halt, um um Erlaubnis zu fragen, in das größte Lagunengebiet der Welt zu fahren, das hier Paramo genannt wird, so werden Gebiete genannt, die eine bestimmte Pflanzenwelt ausweisen, die nur in ganz bestimmten Gegenden vorkommt.
Zwei junge Frauen, die im Ministerium angestellt sind, begleiten uns auf unserem Weg. Anna Marie ist eine ganz besondere Person, wie sich später herausstellt, etwa 25 Jahre alt und tief verbunden mit der Natur. Wir fahren vorbei an dem 10 000 Jahre alten Ausgrabungen, einem Friedhof wo unendlich viele unterirdische Tunnel erst dieses Jahr entdeckt wurden.
Leider können wir nicht hinein, es finden Suchaktionen statt, und sie lassen derzeit keine Besucher zu.
Später erzählt uns Anne Marie über die Bedeutung des Namen USME. Es bedeutet Liebesnest. Hier haben sich ursprünglich zwei Liebende getroffen, ein Spanier und eine Indigene. Sowohl die Spanier als auch die Indianer waren dagegen, und sie mussten hoch in die Berge fliehen, um dennoch ihre Liebe zu verwirklichen. Anne Marie erzählt viele schöne alte indianische Legenden von dieser Art.
Es ist eine wunderschöne Berggegend und wir sind ca 2 Stunden mit dem Auto unterwegs, bis wir schließlich vor der ersten Lagune halt machen, die etwa 3700 m hoch liegt.
Es ist eine karge Gegend, mit dunklem Gestein und ganz besonderen Berggewächsen. Aber was die Seele berührt, ist noch einmal etwas anderes, es liegt jenseits der Worte. Behende steigen wir den Berg hinauf, eine leichte dunkle federnde Erde empfängt uns und gibt einem sofort das Gefühl auf heiligem Boden zu laufen. Ich fühle mich sofort erinnert an meinen Traum, nicht zuletzt, weil der Körper so eine Leichtigkeit erhält, fast als würde man schweben. Im stillen Gebet ist uns zumute, als würden wir von vielen Wesen begrüßt. Zwei Adler schweben über uns.
Anne Marie spricht ein Begrüßungsgebet, so schlicht und tief, dass es unmittelbar ins Zellsystem einfährt. Es könnte von uns sein. Woher haben diese Menschen dieses tiefe Mitfühlen mit der Welt und der Natur, mit der Zukunft der Erde. Man ist es nicht gewöhnt, solch engagierte Menschen außerhalb der Gemeinschaft zu treffen. Anne Marie hat mit anderen zusammen eine Schule aufgebaut, wo Kinder und Eltern und Lehrer zusammen kommen und lernen. Sie sprach auf der ganzen Fahrt sehr engagiert über ihr Land und ihre Liebe zu diesem Land.
Wir machen immer wieder halt, um uns mit der Gegend zu verbinden. Ich fühle den lebendigen Geist überall. Zwei Adler fliegen über uns und der Himmel lichtet sich.
Anne Marie ist ganz berührt und sagt, dass sie ein besonderes Willkommen sei. Die Adler seien die Schutztiere Muiscas und der Himmel würde sich hier nur lichten, wenn die Wesen willkommen geheißen werden, weil sie mit großem Respekt kommen.
Immer wieder spricht sie darüber, dass unsere Arbeit gesegnet sei. Und dass wir mit einer ganz besonderen Mission kommen.
Die Zeit geht viel zu schnell vorbei. Eine ungewöhnliche Delegation. Ich habe noch nie mit Professoren von der Uni und mit Delegierten von Ministerien auf diese intime Weise gebetet oder meditiert. Ich nehme diesen Ort tief auf in mein Herz. Irgendwie fühle ich sofort die Verbindung in den Sinai und auch in die Nilgiri-Berge.
Es ist nicht leicht in Worten wiederzugeben, aber diese Reise hat sich tief gelohnt für mich. Es war, als habe der Ort uns gerufen.
Auf der Heimreise spricht Airolo die ganze Zeit über das Heilungsritual. Er möchte wohl unbedingt, dass wir teilnehmen, und so spricht er immer wieder über diese einmalige Möglichkeit der Heilung, der Selbstheilung und der Chance, Gott zu treffen.
Er glaubt ganz tief daran, das Orlando ein Gott Gesandter ist, der alles sieht und alles weiß.
Wir taumeln nach Hause. Die Fülle der Eindrücke, der Klimawechsel, alles zusammen setzt dem Organismus zu. 10 Minuten tiefe Siesta. Dann geht es weiter zu einem Empfang von Gloria Guartas, die den Preis einen bedeutenden Menschenreichtspreis aus Frankreich erhalten hat. Erst war mir nicht ganz wohl, denn ich bin kein Typ für offizielle Empfänge. Große Tafeln, alles sitzt ein bisschen hilflos herum, Musik, eine etwas schräge Geige, die Bachmusik dudelt. An unserem Tisch sitzt Orlando und seine Frau, wir sind sehr überrascht, dass er auch vertreten ist.
Ich frage ihn, weil ich mir schon den ganzen Tag Gedanken darüber mache, ob er es für richtig hält am Ritual teilzunehmen, wenn wir doch gleich anschließend fliegen und eine große Pilgerschaft vor uns haben. Er meint nur, dies sei die beste Art, um uns vorzubereiten.
„Wenn es noch unbewusste Ängste gibt, werde die euch klar, und ihr könnt sie ablegen. Außerdem könnt ihr vielleicht so manches vorhersehen. Es wird Körper und Seele reinigen und euch bereit machen. Manche meinen, man wäre schwach, wenn man sensibilisiert wird, aber das stimmt nicht, darin liegt die eigentliche Stärke.“
Der Abend mit Gloria wird dann doch viel bewegender als erwartet. Eine Journalistin, die mit ihr für kurze Zeit im Gefängnis saß, liest einen bewegenden Text über Glorias Leben und Engagement. Es werden Revolutionslieder gesungen, und Gloria spricht mit so großem Herzen über ihr Leben und ihre Arbeit, dass man wirklich berührt ist. Die Menschen sind hier eben doch viel weniger formal, als es auf einem entsprechendem deutschen Event der Fall gewesen wäre. Das Herz spricht mit.
Gloria erwähnt auch Tamera in ihrer Rede, und sie spricht einen tiefen Dank aus an mich, wie viel Kraft und Hoffnung sie durch unsere Arbeit gewonnen hat und wie viele Wunden sie heilen konnte. Ich war bewegt und habe sie anschließend fest in meine Arme genommen.
Zwischendrin wurden uns immer wieder besondere Persönlichkeiten vorgestellt. Pietat Cordoba, neben Gloria eine weitere weibliche Hoffnungsträgerin für die Friedensbewegung in Kolumbien, von der ich schon einmal eine Ansprache gehört habe, war auch vor Ort. Sie ist zur Zeit sehr bedroht. Es fließt sofort ein Gefühl der Liebe. Sie hat sich sehr bedankt bei uns, wie sehr wir für Gloria Sorge tragen.

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